helga m. novak // was ich auch teile mit dir

was ich auch teile mit dir
das Herz lasse ich links liegen
da beiße ich auf Eisen
kannst du nicht woanders treffen?
in die Lebern zum Beispiel?
nein die schmecken dir zu gut
ganz ohne Salz aber mit Wein
du sagst Ein Schuß müsse genügen
und der gerät immer ins Herz?


helga m. novak »was ich auch mit dir teile«
in: liebesgedichte, frankfurt am main 2010
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.

philipp blömeke // wohnzimmer.

photo by rural explorer on unsplash

hier,
hinter den türen, eine ordnung weiter
wie in der wand, stein um stein
errichtet gegen die stimmen und dinge von draußen
am ende eines hauses, das steht
am ende meiner nächte, die sich
falten vor den fenstern: da hängt wie aus dem himmel
dieser räume der vorhang, der mir
die tage zerknittert. hier,
unsichtbar und eingemauert, wo ich
hause und wohne und baue und heim
und manifeste sprechen kann,
es heißt dort: die wohnung
des menschen ist
unverletzlich, der bau
der tiere ist es
nicht.
am ende aller häuser steht
mein nasses tiergesicht.


philipp blömeke »wohnzimmer.«
in: jahrbuch der lyrik 2020, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.

karin kiwus // temperatur

photo by 은 하 on unsplash

Jetzt im Juli gehe ich hier
in der Nacht allein. Die Linden
auf beiden Seiten der Straße
fallen zusammen über mir,
und honigfarben strömt
rasch ihr erhitzter Atem herab,
der Lungen verklebt, Kleider, Haut
und niederzwingt auf den Asphalt.
Die schweren weichen Reifen
der Limousine und vibrierend noch
mein Körper zerdrückt.

Warum ist es nicht
Winter wie gewöhnlich und ich
hartgefroren, aufrecht und längst
auf und davon.


karin kiwus »das gesicht der welt« frankfurt am main 2014
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung

mirko bonné // hope park

photo by matt antonioli on unsplash

Über Edinburgh wurde es Nacht,
und ich war allein in East Mayfield,
an einer leeren Straßenkreuzung
zwischen afghanischem Takeaway
und zwei dunklen Friseursalons.
In der Tasche hatte ich die Pfund
für ein Sandwich und Dosenbier
und die Faust geballt vom Glück,
mitten durch mein Leben zu gehen.


Da rannte zerzaust von den Böen
atemlos ein dicklicher Junge vorbei,
Handy am Ohr die Böschung hinab,
überholt vom Heulen und Blaulicht
einer Ambulanz, die vor ihm einbog
in die Straße am Park. Der Hope Park
da unten war das nachtschwarze Meer.
Und der Junge lief ins Blau wie ein Ball
bei Sturm über den leergefegten Strand.


mirko bonné »traklpark« frankfurt am main 2012
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung

grace paley // aus den thetforder gedichten

photo by markus winkler on unsplash

Dann wurden die Blumen sehr wild
denn es war Anfang September
und sie hatten nichts zu verlieren
überallhin warfen sie ihre
Farben über die Gartenmauer
beklecksten den Rasen drückten ihre
wilden orangeroten roten regenzerzausten
Gesichter schamlos zu meinem Fenster herein


grace paley »manchmal kommen und manchmal gehen«, frankfurt am main 2018
übersetzt von mirko bonné
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


ror wolf // am anderen ende der zigarre

photo by diego f. carrión on unsplash

höflich schaukelnd fährt der sonderzug.
waldmann sagt: ich habe jetzt genug.

ach er hat nach einem wadenkrampf
lust auf schwebenden zigarrendampf.

und schon sieht er unter einem hut
hier im rauchcoupé zigarrenglut.

dort am andren ende der zigarre
sieht er ein gesicht mit einer schmarre.

oh, mein herr, sagt er, das sind ja sie.
und sie fahren sicher nach parii.

nein, mein herr, ich fahre nach bordeaux.
und zwar fahre ich inkognito.

ruhig sitzt er hinter dem tabak,
von clermont-ferrand bis bergerac.

und an diesem schönen teil der erde
sieht man plötzlich das erwähnenswerte

ende der zigarre und den rauch
aus dem mund des fremden sieht man auch.

rauchausblasend sieht er in die weite.
weiter geht es auf der nächsten seite.


ror wolf »die gedichte«, frankfurt am main 2017
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


helga m. novak // deine augen sind heller geworden

photo by thomas vimare on unsplash

deine Augen sind heller geworden
deine Augen sind heller geworden in den letzten zehn Jahren
bist du so oft am Meer entlang
gegangen und hast nach Süden
in die flache kalte Sonne geblickt


ausgeblichen sind deine Augen
hast du so oft den Himmel abgesucht
gestiert in die Tag- und Nachtsonne
in den letzten zehn Jahren


haben deine Augen Farbe verloren
weit weg hast du sie gerichtet
auf der Suche nach einem Horizont
der unsichtbar nichts widerspiegelt


helga m. novak »liebesgedichte«, frankfurt am main 2010
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


silke scheuermann // pollen

photo by saad chaudhry on unsplash

Pollen

Ich würde später verstehen, hieß es,
erst einmal eine Reise tun.
Als wüsstest ihr nicht, wie es sich anfühlt,
unwissend unterwegs zu sein.
Zu fliegen in dem Bewusstsein,
nicht zu begreifen, weshalb
man über die Erde gleitet, über die
Gräser am Gartenrand, die halb
offenen Tulpen. Als Kinder,
die pubertierten, wart ihr mir ähnlich.
Immer ein wenig zu weich und zu weiß,
seidig, bei Gott, aber ohne bestimmte Kontur,
die man nachvollziehen, begreifen kann.
Ohne einen anderen Namen
als jenen, der noch nicht passte, nach dem sich
umzudrehen noch keinen Sinn macht,
nicht wirklich. Alles noch Übung,
Lehrschule, Stoff. Hoffnung, dass, irgendwann,
endlich, deine stolzeste Stimme erklingt,
behauptet, dass »Ich« etwas ist,
das befruchtet ist, einem höheren
Wunsch nachgibt, Leben schafft.
Und ich habe endlich die Ahnung,
wohin es, vielleicht, geht –
aber dann diese Willkür:
leicht zunehmender Wind,
und ich werde umgelenkt,
mein Unmut, mein Unverständnis.
Da war nie ein Ziel für mich.
So ist es kein Ankommen.


silke scheuermann »skizze vom gras«, frankfurt am main 2014
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


mara-daria cojocaru // anleitung zum staatsstreich

photo by mana5280 on unsplash

Anleitung zum Staatsstreich

Der Fluss spielt mit den Jungen Gurgeln, Verstecken, sie
Gehen in die Deckung, und dahinter: Ruderalvegetation
Darunter müht sich die Sonne, brütet die Sonne zwischen
Den Prunkwinden Krokodileier aus. Merklich schwerer

Von Jahr zu Jahr. So ein aufgeschlitzter Abend, alles fließt
In so einem Licht. Feuer segelt den Stamm entlang, Gebiss
Starre zwischen Schlaf und Träne, blinkender Feldspat
Stakt. Die erste Löwin kommt von der Jagd und nagt

Ein rundes Stück Entwicklung und Geschichte vom kahlen
Brustbein der Giraffe ab. Sie bezahlt die Hyäne für ihr
Einstweiliges Schweigen mit Aas. Die lacht, grundlos
Unterwürfig, dabei hatte sie es doch erjagt. Das war

Der Stolz der einzigen sozialen Katze. Bis gestern
Roch sie: wenn die bediensteten Termiten in gedrillten
Pfefferkorntritten ihr Gebiet durchschritten, wenn die
Zunge des Leoparden Zartbitterrosetten im Honigfell

Leckte, Kunstfreiheit, schön, wenn der flugfähige
Dungkäfer, Kerosin rieselnd, im Sand landete, roch die
Gedanken der Unantastbaren, das Aufbegehren, das
Wibbern des Zebras, wenn der Aktienkurs fällt, die

Entzuündlichen Gefühle der Dicken im Jeep. Heute riecht
Sie nicht nur anders, alles anders. Vor allem riecht sie des
Königs Verrat. Irgendetwas geschieht. Eine Verwirrung
Perlhuhn fliegt aus dem Busch. Es wird, Deslorelei

Keine Jungen mehr geben. Mit den Krokodilen dealen
Langsam Rache wachsen lassen. Die Prärogative, an der
Eigenen Brutalität nicht zu verzweifeln, checkt das System
Was raubt man als Raubtier? Leben, geschenkt


mara-daria cojocaru »anstelle einer unterwerfung«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh