carolin callies // öffentliche verkehrsmittel

öffentliche verkehrsmittel

du fährst mit dem zug ins bordell,
denn offene münder erlauben da viel.
das lecken beginnt mit dem fahrschein
& du klebst post-its an zu leckende stellen.

vor ort ragt ihr die hälse ineinander wie blöd.
wir malen dir zuvor brüste auf, gelenkige brüste
& wenn du willst, auch ein krauses stück fleisch.

vorab aber entfernen wir die speisereste aus deinem mund
& die rosinen im zahnzwischenraum
& während wir dem schaffner winken,
lecken wir zumindest noch an deinen zähnen.


carolin callies »fünf sinne & nur ein besteckkasten«, frankfurt am main 2015
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh



alexandru bulucz // gespräche mit baumrinden II

Gespräche mit Baumrinden II

Nie nahmst du’s ab, als ich von Boris träumte,
von Feldern grüner Pastinaken. Es war dir gleich,
was sich verbarg hinter dem Geschmack des Dills
im Käse aus der Teigtasche,

was Petersilie über die Seele weiß.
Nie fragtest du nach den transsilvanischen Äpfeln
u. warum sie in der kühlenden Erde lagern,
den Pilzen, die Majka anbriet u. salzte,

den Zwetschgen, dem Schnaps, dem Urgroßvater,
dem Holzkreuz am Bach. Radieschen für Radieschen,
Zwiebel für Zwiebel hast du weggeschaut.
Nie auf den Sonnenflecken im Zimmer

weißen Holunder für Holunderwasser trocknen lassen.
Weder in Andrejs unreife Dreiecksbirnen gebissen,
die ich vom Wegrand für uns klaubte,
noch in die bitteren Quitten wie Emil der Rabe.

Nie vom Brot die dunkle Rinde gekaut,
die Marmelade, die Mutter uns brachte,
das weiße Hirn einer unreifen Walnuss,
deren Haut man mit den Nageln abzieht.

Keine Wand mit Unsinn beschmutzt
mit ihrer grünen Schale.
Dir keinen Apfelstiel als Erde gedacht,
keinen Apfel als Sonne,

gabst keinem Aberglauben nach,
drehtest keinen Apfelstiel, bis er abriss,
um zu erfahren, wie viele Umläufe um die Sonne
du noch brauchst bis zum Ende deiner Bahn.

Wieder u. wieder flog der Stumpf deines Apfels
auf den Kompost. Nie rechnetest du
in Nachbars Garten mit dem Hundebiss
in der Krone des Kirschbaums mit einem Ohr

als Kurztrieb von zwei Süßkirschen.
Nie hat’s dich gejuckt am Rücken
ein Hagebuttensamen, -seamus.
Nie hast du versucht,

die Rückenschmerzen vom Spargelstechen
mit dem Schmerz von Brennnesselhieben auszutreiben,
bis Brennnessel Ersatz war für Spinat,
Bärlauch für Knoblauch.

Nie nach dem Diebstahl des Lauchs
die Schwarzerde im Mund Schwarzrede an Gott,
weil du kein Wasser hast, die Erde abzuwaschen.
Nie hat dich wie mich der schlesische Engel besucht

beim Pfandflaschensammeln.
Warum sagst du es dennoch wie ich
den Käfern in der Rinde
in winzigen Worten für winzige Schritte?


ton: © alexandru bulucz
text: alexandru bulucz »was petersilie über die seele weiß«, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


lars reyer // die fernen

photo by cristian lozan on unsplash

Die Fernen

In die Pausen gehaucht des singenden Pendlerverkehrs
ist der Atem nicht viel mehr als ein Geräusch, die Leitung
Glasfibern, unter Land verlegt, das ist so eine unsichtbare
Ader, die den Puls nicht richtig halten kann & jedes Wort
wird umgeleitet, Warteschleife, analoge Melodie. Ich

liege wach & träume von den Jungen, die auf dem Weg
zur Haltestelle sind, Silberstimmen eingefasst in Silber-
körper, mit Pflastersteinen schießen sie die Straßenlichter
aus, die Häuserwände bröckeln ab von ihren Schritten,
gesummte Kalkspur, bald eingekocht in Schlaf, in Stein.

Das Fenster steht auf Kipp.
Die graue Luft, der Greisenbart, zurrt mich ans Bett &
meine Knochen, spür ich, sind so dürr, dass jedes Wort
in ihnen zittert. Die abgeklemmten Ferngespräche. Jetzt
ist nur so ein silbrig Tuten in der Muschel.


lars reyer »magische maschinen«, frankfurt am main 2013
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


julia trompeter // farbsonanten

Farbsonanten

An deinem Kehlkopf baumelt noch ein letzter Laut,
der sich den Weg zum Wort nicht mehr gebahnt,
nur leises Flattern wie von Wäschefahnen,
Atem, der verzahnt im Wind
dir aus dem Körper weht. Sehr leise treten
die Gedanken, eingehüllt in weiße Laken,
aus deinem Mund entweicht amorphes Bauschen,
Widerhaken abgeschälter Konsonanten,
Schnarchen, selten, ausgestorben:
Fast privat fühlt sich dies Lauschen an.
Die Welt, verschwunden hinter Brandschutzmauern,
nur Zeitungsreste flattern dort,
und Nachbarfenster werfen
helle Quader in den Hof,
das Oberlicht färbt Fahrradlenker ein.
Was ist schon Rot?
Was ist schon Gelb?
Ich male in die Welt ganz andere Farben,
wenn du dich von mir schläfst
und alte Äste fallen, die kein Baum mehr hält.


julia trompeter, »zum begreifen nah«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh












jan wilm liest ror wolf // notwendige betrachtungen in der nähe der welt

Notwendige Betrachtungen in der Nähe der Welt

Wo keine Hand ist, ist kein Stock
Und wo kein Mund ist, ist kein Wort
Wo keine Frau ist, ist kein Rock
Und wo kein Mensch ist, ist kein Mord.

Und wo kein Schuh ist, ist kein Fuß
Und wo kein Haus ist, keine Tür
Und wo kein Topf ist, ist kein Mus
Und wo kein Kopf ist, kein Geschwür.

Wo keine Luft ist, ist kein Leben
Jawohl, mein Herr, so ist es eben



ror wolf »die gedichte«, frankfurt am main 2017
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.
gelesen von jan wilm


silke scheuermann // uraniafalter

photo by wojtek witkowski on unsplash

Uraniafalter

Welches Ziel hatten wir; wir waren nachts unentwegt
mit Verspätung unterwegs, damals, als die Diskotheken uns
einen Tick zu laut die Liebe erklärten, und uns das nicht auffiel,
weil wir im Mittelpunkt der Strahlung standen; damals war
immer helllichter Tag, wir unentwegt mit unseren Körpern
beschäftigt, die unendlich viel stärker waren als angenommen,
prätentiös, schön; der Traum löste sich in Zeit auf;
wir standen uns zur Verfügung. Wir wollten vergessen,
wollten den Fluch unsrer Herkunft vergessen. Wie der
Priester das Blut trank, die Sonntage unser Fleisch brieten,
Vater grillte, während Mama das Brot brach. Im Garten
reiften Tomaten, wir wuchsen heran, Schmetterlinge
an natürlichen Blüten. Aber dann: verkehrte Welt,
neue Naturerlebnisse. Licht kickte, Steine wurden geraucht.
Welches Ziel, ich erinnere mich nicht, und wieso glaubten
wir damals, alles erreicht zu haben? Weil wir, in den
Städten, immer vom Licht gesteuert waren, von
Autoscheinwerfern, Werbetafeln, glitzernd
spiegelnden Shoppingcentern? Weil wir
in hellen Wohnungen tote Insekten vom Boden auflasen,
Freunde verabschiedeten, die von Müdigkeit sprachen?
Sie sagten, sie balancierten am Rand der Erschöpfung,
bekämen dafür nicht einmal Applaus. Welches Ziel nur,
heute sehe ich fremde Männer durch die Straßen eilen,
weiß nicht, wohin, und du bist einer von ihnen.


silke scheuermann »skizze vom gras«, frankfurt am main 2014
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


ron winkler // ich habe ein gesicht zur hand

ich habe ein gesicht zur hand

ich habe ein gesicht zur hand
nicht selten aber nicht
ich habe fünf gesichter
eins von unten
eins von oben
eins von vorne
von links von rechts
das gesicht von unten
wird am meisten doch von zuneigung gefunden
wird eher leicht erreicht
man liebt sich schneller dort hinein
vielleicht
ich nenne es das liebeswirkgesicht
ein wagniswirkraum ist es nicht
vielmehr des öfteren verzagte gischt
links und rechts die halbgesichte
sind einander stiefgeschwister
sie sind nebenantlitze und bleiben es
das gesicht beruht wie das gedicht
auf jenen teilen die sich mitteilen
oder nicht
niemand wird sie jemals zählen können
mein gesicht bleibt ungeeicht
ich habe ein gesicht zur hand
ich habe fünf gesichter
gegen nur zwei arme hände
und manchmal ist dieses gesicht
das allererste licht

© ron winkler 2019
weitere informationen zu ron winkler findet ihr hier.
der oben abgebildete text entstammt einer audiotranskription.


christian saalberg // die gärten des epikur

photo by annie spratt on unsplahs.com

I

Es müßte schön sein, noch einmal seine Gärten zu
sehen, nachmittags, wenn die Nebensonnen blinken.
Ob es die Beete wohl noch gibt, Wandelgang so vieler
Blumen und ein Serail der stillen Lust, die rechts
und links vom Weg so unaufdringlich blüht? Mit den
Blumen läßt sich gut reden. Ich würde sie fragen,
woher ihre Ruhe kommt und was es mit ihrer Heiterkeit
auf sich hat, die so glänzt wie draußen das
weißliche Meer.

II

Ob es wohl die alten Bäume noch gibt, geschüttelt
vom Anhauch der Winde und wehend im vollen Gezweig,
das weiß blinkt unter den Blüten? Vielleicht sind
sie geflüchtet, ausgewandert in eine dieser vielen
Welten oder halten sich nur verborgen. Ich kann
mir denken, daß sie manchmal noch die alten Wege
gehen. Bei den Statuen bleiben sie stehen, am
Rondeau vor den Göttern. Das Geschäft dieser Welt,
ein mühsames Regiment. Die Götter. Sie taten gut
daran, der Erde den Rücken zu kehren.

III

Vielleicht gibt es auch noch den Tod. Er liebte
die Gärten und fühlte sich wohl in ihrem Hain.
Hier unter den Oliven hegte keiner einen Verdacht
gegen ihn und er war keinem Fürsten untertan.
Mag sein, er lehnt noch immer an einem Baum
(einem Gefährten, der so alt wie er) und hängt
seinen Gedanken nach. Der stiebende Fall, das
Unbenennbare. Es ist damals so vieles offengeblieben.
Wir haben es nicht mehr entwirrt.

IV

Wo die Freunde wohl geblieben sind, die sich
einst hier trafen und so vertraut beieinanderstanden,
so selbstverständlich wie Vogelherzen
im Wind? Das Zeitliche und Ewige, sie spannten
es noch unter einen Bogen und verkehrten mit dem
Abendleuchten und der Weite des Meeres, kosteten
das Glück, mehr als den einen Tropfen, der an
unserem Fenster vorüberrauscht. Das Gebüsch
meiner Fragen. Hier wäre es verdorrt.

christian saalberg »in der dritten minute der morgeröte. ausgewählte gedichte«, frankfurt am main 2019
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh

guntram vesper // das öde haus

photo by claudio buttler on unsplash.com

Das öde Haus

Selbst heute / mit achtunddreißig Jahren und allen / ent-
sprechenden Bildern im Gehirn / kann ich mir die un-
glückliche Stimmung, in die mich / der Sonntag versetzt /
nicht erklären.
Wenn ich ahnungslos und ausgeglichen / auf die Straße
trete und / sehe nach hundert Schritten / daß die Läden
an der Ecke / geschlossen sind, dann / sage ich: ja heute /
ist Sonntag. / Mit einemmal ganz verzweifelt.
Erst gegen Abend wache ich auf / nach tiefem Schlaf voller
schwerer Bewegung / in einer verwüsteten Wohnung / in
der jeder übervolle Aschenbecher / jedes Blatt auseinan-
dergerissener Zeitungen / alle fremd gewordenen Klei-
dungsstücke mir / die Geschichte der Nordwestpassage
als / ganz vertraut einflüstern / lauter Verwirrung, Ge-
walt / Unmut und das / Gurgeln des Alltags / der
grausamen Gewohnheit: / ewiges Eis zwischen Felsenin-
seln / der falsche Weg.
Und allein sein / ohne den Atem anderer im Gesicht / hin-
ter Mauern, deren Mörtel / gerade erst trocknet / die aber
schon / von oben bis unten beschrieben sind / neue Ge-
dichte decken / immer die alten zu.
Was ich noch fühle, dehnt sich aus / und zerstreut sich /
sonderbares Gefühl, der Nacht / hinterherlaufen zu müs-
sen.

guntam vesper »tieflandsbucht. die gedichte«, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


ulrike almut sandig // das elektronische gedicht – nach edgard varèses poème electronique

hochverehrtes Publikum, hören Sie bitte
haarscharf vorbei. folgen Sie bitte der Klangspur

des elektronischen Gedichtes entlang
der Lautsprecherboxen. sehen Sie schon

Musik und Geräusche? hören Sie schon
die farbigen Lichter? das elektronische Gedicht

ist ein Gedicht im Gedicht und gut
in den Wellenformen der Zukunft versteckt

die im nächsten Moment schon wieder
Vergangenheit ist. an den Ohren von Edgard

Varèses Enkeln schwebt es – vorbei


video: © ulrike almut sandig 2019
english captions by karen leeder
video by jan willem van hemert


text: ulrike almut sandig »ich bin ein feld voller raps verstecke die rehe und leuchte wie dreizehn ölgemälde übereinandergelegt«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh