mara-daria cojocaru // blutprobe: nüchtern am morgen

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Blutprobe: nüchtern am Morgen

Der Tag hat eine Wand aus dies
Und das in den Weg geschoben
Nebel der Alltäglichkeit

Mein Therapiewaran nimmt die Spur auf
Kaltes Blut, erstarrte
Herzensangelegenheit

Während die Kohorte Nachwuchs
Brombeeren in den Strauchspitzen frostet
Bin ich gesund

Ich werd ja sehen, was ich fühle
Und fühlen, was ich seh
In der Blutprobe

Ob es kocht, ob es lockt
Ob es flockt, ob es stockt
Ob es frieren kann


mara-daria cojocaru »anstelle einer unterwerfung«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


ilma rakusa // corona mit hölderlin

Corona mit Hölderlin

Nicht alle Tage nennet die schönsten der,
Der sich zurücksehnt unter die Freuden, wo
Ihn Freunde liebten …

Der Tag ist wieder heller, ohne Schnee, der wilde
Kirschbaum fast in Blüte, der Kirschlorbeer in vollem
Glanz, nur trüb das Herz. Die Güter zirkulieren noch,
wenn auch nicht alle. Man weiß: die Lieferketten
reißen leicht. Sie sind fragil wie unsre Leben. Der
Beweis: die vielen Virus-Toten. Vergnügungen gabs
gestern, keine Überreste, nur Nostalgie. An bessre
Zeiten, Kanufahrten, Feste, an Lagerfeuer mit
Kumpanen ohne Havarien. An Gäste, Freunde,
Disco-Melodien. Ein bisschen wie von Sinnen.
Und jetzt? Vorbei. Die Bäume werfen Schatten,
wir schatten mit. Wir heben düster unsre Arme
zu virtuellen Rettern, der Rosenkranz ist keine
Option. Es mangelt an Vertrauen und Devotion.
Nun denn, wer aus Gefahr sich windet, ist wie
ein Mensch, der kommt aus Sturm und Winden
,
gehärtet, andersfromm. Wir werden sehen, noch
sind wir mittendrin. Was ist Bestimmung, was
nur schnöder Zufall? Wer lenkt das Ungemach,
wer die Natur? Wer bringt das ungebetne Weh
und gibt sich aus als Allmacht? Wo bleibt die Ruh?
So lang die Nächte ohne Du und Träume, so
irr das Hirnen über das, was kommt. Szenarien
und Exit-Strategien, Räume ohne Mund.
Da liegen Mann und Frau und Hund im engen
Zimmer, sie sind es satt. Sie wollen raus
und keinen fragen, so wie in guten alten Tagen,
die Witterung ist mild. Was immer wir anstreben,
die Virologen habens Sagen.
Gemach und weiterweben. Der Wald steht still, der Wille.


ilma rakusa »corona mit hölderlin«, in: jahrbuch der lyrik 2021. herausgegeben von christoph buchwald & carolin callies, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandulung gmbh


hasune el-choly // vielleicht wieder über kräne reden

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vielleicht wieder über kräne reden,
auf dem weg über dein schweigen in meinen
brustkorb summen; darüber schreiben, warum
hier das halbe wetter im argen liegt.

& warum nicht wieder schwere geschütze über
diese straßen, über das schlachtfeld fahren,
über die halben tage aus wolken, über die
tausenden arten deine art zu beschreiben,
nachdenken, um doch wieder nur zu verstummen.

zur späten stunde tief im u-bahnschacht, in
deinem schatten noch einmal atem holen &
sehen ich war hier, aber wo warst du steht
immer noch auf den kacheln geschrieben.


hasune el-choly »vielleicht wieder über kräne reden«, in: jahrbuch der lyrik 2021. herausgegeben von christoph buchwald & carolin callies, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandulung gmbh



helga m. novak // ostersonntag

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Ostersonntag

ich bin alleine
ich gehe einen Saumpfad
meine Borten und Tressen
sind Amelkorn und Ried
den Eukalyptusbaum besudelt eine junge Taube
deren Hals von Glockenläuten
die Stirn von Palmen
umwunden im Osterjubel –

ich bin alleine
aus den Streifen meiner Haut
wer flicht Brotkörbe daraus
aus den Fäden meiner Nerven
wer dreht Waschleinen daraus
aus meiner brodelnden Lunge
wer kocht Straßenteer daraus
ich bin alleine
einzig gegürtet
mit Gottlosigkeit – mich geht
der Auferstandene nichts an

Lammfleisch und Gebell
krönen das Fest der Christen
Wein zerging auf den Lippen
leer sind die Hostienschalen
doch ungleich gedeckte Tische
machen Lieder sterben
Ostern erlöst mich nicht
von Betrug und feisten Zungen

ich bin alleine
Fenchel und Minze wehen
reife Zitronen werfen Licht
Unruhe flattert zügellos
über Barren und Balken
zurück!
zurück ins Tal der Menschen
der Tag bricht ab


helga m. novak »solange noch liebesbriefe eintreffen. gesammelte gedichte«, frankfurt am main 2008
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


ulrike almut sandig // schlaraffenland

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Schlaraffenland

guten Morgen, Deutschland, schalt die Warnblinkleuchten ein
und einen Gang runter, auf der A14 gerät ein Transporter

ins Trudeln, weil der Fahrer zu spät vom Smartphone aufsieht
weil seine Freundin in Echtzeit Schluss mit ihm macht

Alter, ich krieg Herz, sagt der Fahrer zu sich, und die Fracht
im Zwielicht seines Laderaums, Geflügel, kriegt Flügel-

Hals- und Beinbruch, weil der Transporter durch ebenjenen
unglücklichen Umstand in die Lärmschutzmauer rast und

was noch Odem hat, auffliegt, als hätt es das Fliegen
täglich trainiert, gut sichtbar wie unsichtbar auffliegt und

wer bei drei in der Baumschonung ist, erlebt sein blaues
nie gekanntes Freiheitsgefühl: lebende Tiere, Horizont, Punkt!


ulrike almut sandig »ich bin ein feld voller raps verstecke die rehe und leuchte wie dreizehn ölgemälde übereinandergelegt«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


mara-daria cojocaru & ron winkler // du weißt nicht, wie schwer es geworden ist, einen brief zu verschicken

auswahl der postkarten, die sich mara-daria cojocaru und ron winkler zwischen 2016 und 2018 geschickt haben

ron an mara, 29/10/2016

Ich lebe heute als Frugant. Äpfel in der Farbe,
die vom Herbst abfällt. Firefox ist aktuell,
das Licht wie alte Zeitung. Ich lese
in mir einen Schnee, den man zu Himmel
rückbaut. There’s no tube to that, nur Wind,
nur Warten. Flughafenhunde links und rechts,
gebräunt von Kerosin. Ich lass sie ziehen,
weil sie zuweilen Tier sein können,
links von sich, rechts die Berührung
hinterm Ohr.

***

mara an ron, 1/11/2016

Diese Karte ist noch übrig
Vom Tag, nachdem das Nachbarsjunge
Weinte. Nachts vor meiner Tür. Das Eisbärkind
So viel Verlust inmitten all der Privilegien
Weil wir hier in England sind und man Abstand hält
Mehr als dass man Anteil nähme oder
Sich erkundigte
Und weil zwischenzeitlich sicher ist
Dass die selbst noch junge Eisbärmutter
Nicht mehr wiederkommt
Ist dieser bunte Hund, zur Aufmunterung gedacht
Nun herrenlos. Er erinnert mich an diese Nacht
An die Hand auf einer nackten Schulter
Die dann doch nur meine war
Und er erinnert mich, wie schwer es ist
Etwas zu sagen, wenn es nichts, gar nichts
Zu sagen gibt


mara-daria cojocaru & ron winkler: du weißt nicht, wie schwer es geworden ist, einen brief zu verschicken. poetische korrespondenzen, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


carolin callies // angstloch

photo by  possessed photography on unsplash

angstloch

I.
fall ins loch, ins seichte loch. ja, fall hinein.
fall ins loch, als ob ein fall ein loch wär.
fall ins loch, als ob ein loch ein fall wär


II.
& fällt ein loch ins grob gewebe,
fällt ein loch ins erdenreich,
fällt ein loch ins weichgewordne,
hält das loch den kehrvers aus,

hält das loch sich für kein loch,
& hebt das loch im loch sich auf,
& hält ein loch im loch sich auf,
& hält ein loch sich auf & fällt.

III.
hält ein loch sich trotz des fadens,
hab den vogel in meim ohr,
hab dich drin im loch gesehen
& wo’s loch ist, sag’s mir bald!
denn ich hab’s heut zugemacht.


IV.
lösch das loch & lösch es nicht.
es war das loch, das ich dir hub,
drum war es gut, das loch
& tief, es war dir gut, das loch,

ich hub’s, es hob sich aus,
es war ein loch, darein ich ging,
jetzt kommt die flut, das kleine loch
es lag da gut, ich hob es aus,

es war dir gut, das loch, die brut,
das loch, das war ein gutes loch,
das dehnt sich aus, die brut hört still.
sie ruht sich aus, die brut. im loch.


carolin callies »schatullen & bredouillen« frankfurt am main 2019
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


karla reimert // welche leidenschaften formen uns zu geliebten?

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Welche Leidenschaften formen uns zu Geliebten?

Im Traum verwandle ich mich in Männer und Frauen, die ich liebe.
Sie entsteigen einer Schale heller Trauben,
sanft wie Huris in Gedichten Rumis vom Paradies.

Unschuldig und früh trennen wir uns.
Das Meer ist immer nah, und Zärtlichkeit grün,
schwer von Chlorophyll und eingefasst wie Meereslicht in Smaragd.

Erzähl, welche Leidenschaften formen uns denn zu Geliebten?
Erst kommen Tugendschatz, Staubherz und Verlust von Schutz.
Weißes Gottesauge. Frost, der im Körper hungert.

Einen Schritt weiter hören meine Tauschgeschäfte auf.
Wenn ich Haut auf Haut lege, koste ich von Verklärung.
Das Geschlecht verwandelt sich wie die Farbe von Haar.

Im Traum versöhne ich das, was kommt, mit dem, was lebt.
Mit dem, was in Kernen bleibt, wenn einer alle Süße löscht.
Mit dem Weltenwundergang, der Vergeltung überwächst.

Am Morgen schneide ich frische Trauben. Schmücke die Schale.
Was immer Gold Alchemisten bedeutet:
Diese Reben wissen besser, wie man sich erleuchtet.


karla reimert »welche leidenschaften formen uns zu geliebten?«, in: jahrbuch der lyrik 2021. herausgegeben von christoph buchwald & carolin callies, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandulung gmbh


ror wolf // alles andre: ungewiß

Alles andre: ungewiß

Abends sah ich einen Hut
und die Atemstöße wehen,
rauchend schwarz, beim Weitergehen
kam etwas aus meinem Mund,
wie im Schlaf, ganz weich und rund
ausgeblasen, kurz und gut.

Auch ein Rascheln in den Taschen,
von Papier, vielleicht von oben
abgerissen hochgeschoben.
Das ist jetzt das letzte Loch,
doch ich lebe immer noch,
nur die Welt ist weggewaschen.

Und der harte Himmel biß
mir den Kopf ab und die bleichen
Hände Füße und dergleichen
Ohren ab und ich verschwand
rauchend in der Zimmerwand.
Alles andre: ungewiß.


ror wolf »alles andre: ungewiß«, herausgegeben von michael lentz, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh
bild: © ror wolf



der schauspieler klaus köhler liest das gedicht im rahmen der »lesung zum ersten todestag von ror wolf« des staatstheaters mainz vom 17. februar 2021 ab minute 37:55.