nadja küchenmeister // in der nacht

Photo by Shawn Ang on Unsplash

in der nacht ich habe es nicht bemerkt
ist schnee gefallen ich habe geträumt
ich war zuhaus in meinem bett nah
an der tür lag ich hellwach im frühen
raum die vorhänge die dunkelblauen
waren zugezogen alles still in der nacht
ist schnee gefallen ich war zuhaus ich
habe es nicht bemerkt ich habe geträumt
in meinem bett nah an der tür lag ich
hellwach im frühen raum die vorhänge
die dunkelblauen waren zugezogen alles still


nadja küchenmeister »alle lichter«, frankfurt am main 2010
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.

silke scheuermann // schwerer körper

photo by omer rana on unsplash

Ich teile die Welt durch zwei.
Um das zu begreifen, muss man nicht altmodisch sein.
Auf der einen Seite mein Körper aus schwerem Metall,
auf der anderen meine Sehnsucht, die leichte Luft. Ich umschließe sie mit einem flotten Bogen,
garniere mit Spitzen, was ich meinen Ausschnitt nenn.
Die Luft muss bemerken, dass ich sie forme.
Sie muss mir dankbar sein.

Ich teile die Welt durch zwei. Im eisigen Park liefen
die Großeltern Schlittschuh. Ihre Enkel rauchten
dort ihren ersten Joint. Parks waren früher
noch nicht beleuchtet. Blutjunge Geliebte
gaben sich ohne zu zögern hin. Bekamen
Kinder, die sie wie Hündchen verzogen.
Ein kleines sprang durch mein Luftloch hindurch.
Es fiel unglücklich hin. Seitdem kommt es vor,
dass ich Tiere mit Sehnsucht verwechsle.


silke scheuermann // schwerer körper
in: skizze vom gras, frankfurt am main 2015
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung

carolin callies // weißtrognes als köder am nachmittag

Photo by Kim Gorga on Unsplash

I. du hast dir milchhaut angekocht
& mochtst sie doch nicht trinken.

ihr datum, das verfällt so schnell,
so großgedruckt du’s drucktest.

man hat’s ihr bloß nie ansehn wolln,
so sauer in den töpfen.


II.

du kanntest beeren, die ohne namen blieben
& du schnittst sie in konserven fest.

sie hielten nie & platzten gern
& gingen oft zu boden.

wir wollten sie essen & juckend unter hälse stecken
& aßen doch nur birkenreisig & tranken kalte milch dazu.


carolin callies »fünf sinne & nur ein besteckkasten«, frankfurt am main 2015
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


alexandru bulucz // erinnerungen, defragmentierungen

Photo by freestocks on Unsplash

Geboren im Osten, im Westen des Siebenbürgischen
Beckens, der Gebärmutter, Eltern Musiker, Vater Gesang
u. Gitarre, Mutter Hausfrau u. schrill die
Erinnerung an wer weiß wie viele wertlose Scheinlöwen
(Lei, Münzen u. Scheine) in der Pfütze im Plattenbauhof,
die nasse Inflation wurde unter dem weißen Hemd
mitgebügelt. Für die Stunden des Schlangestehens im
schwitzenden Nacken der Volkswirtschaft eine Nase
voll überschäumender Milch aus dem Herdtopf, die
einsame Flamme vom Öl der Orangenschalen genährt
u. zum Knistern gebracht die frittierten
Kartoffelschalen (rumänische Chips) zum vierten
Geburtstag eine Tracht Prägel von der Mutter für eine
vor ihrer Zeit geöffnete Limonade. Der Vater, zurück aus
Jugoslawien. Der Krieg, der dem Schwarzarbeiter den
Laufpass gegeben hatte, stimmte die weißen
Kunststoffsaiten. Nur mein Geländelauftrainer roch
noch immer nach Fußpuder u. Schweiß wie die
orthodoxen Popen, die für Geld alles segneten, was
keine Beine hatte, das Land, das Haus, das Geld, das der
Vater für die langen Unterhosen, die er verkaufte, die
weißen, die grauen, die blauen, bekam, u. die, die er
trug, weil er sie nicht verkauft hatte, nicht verkaufen
konnte, wie sein Magengeschwür, das mit mir
in einen Bus nach Deutschland stieg, o. war es eine
Pferdekutsche u. die Busfahrer zwei Zigeuner mit
Lederpeitschen zum Austreiben der Erinnerungen, der
Dämonen, der ausgemergelten Zugpferde mit
Brandflecken auf den Rippen. Die man einfetten müsste.


alexandru bulucz »was petersilie über die Seele weiß«, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


helga m. novak // wo ich jetzt bin

photo by marek piwnicki on unsplash

wo ich jetzt bin ist meine Kindheit gewesen auf dem
Sander – zwischen Urstromtal und Endmoräne hier hat die
Erde ein dickes Fell – aus Sand
ausgerüstet mit einem falschen Paß und meinem echten
Lachen habe ich mein Gesicht wiedergefunden
hier versickert jede Tränenflut hat die Eiszeit sich aus-
geweint.

Streusandbüchse löscht alles aus und die Menschen
Gedanken wie ein Sieb
Geschichte des beharrten Nashorns in tausenden von Jahren
begraben die stolzen Ulanen neben den nichtswürdigen
Siegern ich stehe auf einem Grabfeld aus französischen
Knochen

vergleichbar dem alten Mazedonien dreigeteilt auf diesem
kargen Sand Kiefern Wacholder Kartoffeln soviele Pläne
entfaltet zerronnen nunmehr überzogen von Nadelbetten und
den Metastasen der Rotkappen die auch Kosaken heißen
Warmzeit – solande der Nordpol nicht auf die Spitze treibt
dickfellig
wird man uns ausstellen als Saurier 50t schwer sowas ist
über die Erde gelaufen und versunken neben dem dickfelligen
Nashorn als das Pferd die Größe eines deutschen Schäferhundes
hatte

allgemeiner Gefügezusammenbruch übriggeblieben der lieb-
reizende Schachtelhalm in den Schonungen und wir die
Großform vor dem Untergang noch hüte ich mein verlorenes
zurückerobertes Gesicht und lerne meinen neuesten
Namen auswendig


helga m. novak  »wo ich jetzt bin«
in: silvatica. gedichte, frankfurt am main 1997
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh

nadja küchenmeister // es beginnt, wo es endet

Photo by Ingo Doerrie on Unsplash

es beginnt immer hier, im frühjahr, in der warmen luft
es beginnt mit einem atemzug, und so endet es
es beginnt mit einer hand, die um einen schlüssel wächst
es beginnt mit einem schlüssel, und es endet ohne tür.
es beginnt, wo es endet, es beginnt im flur, an einer viel
befahrenen kreuzung nimmst du die erste ausfahrt rechts
wiewohl du keine kreuzung und keine ausfahrt kennst
nicht weißt, dass alles endet und nicht noch mal beginnt.
im flur, wo alle fluchten enden, gehst du hin zu dir
wo der tag dich wärmt, wo die nacht dich kühlt
deine hand ein schlüssel, dein auge ein see. hier
bleibst du, bis du wieder gehst, und es endet ohne tür.


nadja küchenmeister »es beginnt, wo es endet«
in: im glasberg, frankfurt am main 2020
schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh

mara-daria cojocaru // im hintergrund

photo by jose chomali on unsplash

Im Hintergrund
Verhalten wir uns still und sehen
Schwäne gründeln
An der Unterseite der Nacht
Und hell den ziemlich vollen
Mond aufgehen. Ein Licht
Viel heller noch als er, als
du, als Ich, kommt auf uns zu. Ein Wurm, ein
Käfer, was weiß ich
Er glüht, wir sind bewegt
Er scheint so klar
In sich, nur sich und
In sein helles Licht
Verliebt und sinkt ins Wasser
Ich, betrunken vom Geglüh, an
Dein hartes Knie
Erlisch, Narziss


mara-daria cojocaru »anstelle einer unterwerfung«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


helga m. novak // was ich auch teile mit dir

was ich auch teile mit dir
das Herz lasse ich links liegen
da beiße ich auf Eisen
kannst du nicht woanders treffen?
in die Lebern zum Beispiel?
nein die schmecken dir zu gut
ganz ohne Salz aber mit Wein
du sagst Ein Schuß müsse genügen
und der gerät immer ins Herz?


helga m. novak »was ich auch mit dir teile«
in: liebesgedichte, frankfurt am main 2010
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.

philipp blömeke // wohnzimmer.

photo by rural explorer on unsplash

hier,
hinter den türen, eine ordnung weiter
wie in der wand, stein um stein
errichtet gegen die stimmen und dinge von draußen
am ende eines hauses, das steht
am ende meiner nächte, die sich
falten vor den fenstern: da hängt wie aus dem himmel
dieser räume der vorhang, der mir
die tage zerknittert. hier,
unsichtbar und eingemauert, wo ich
hause und wohne und baue und heim
und manifeste sprechen kann,
es heißt dort: die wohnung
des menschen ist
unverletzlich, der bau
der tiere ist es
nicht.
am ende aller häuser steht
mein nasses tiergesicht.


philipp blömeke »wohnzimmer.«
in: jahrbuch der lyrik 2020, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.