silke scheuermann // diesseits ist heut’ ein spaziergang im schnee

photo by cody chan on unsplash

Diesseits ist
heut’ ein Spaziergang
im Schnee

Der Boden schwankt weil wir ihn atmend antreiben
In dieser Art Atem als würde man schlafen
und malte sich dabei Raum schrittweise aus

Jede Bewegung ein Wegwischen
von etwas Unheimlichem an das man
gerade gedacht hat

so dass der schmale Streifen
Rasen auf dem wir gehen
zum magischen Gürtel wird Bis zum Abend

spazieren wir einmal um den Schöpfer herum
Wir sehen einen winzigen
Finken weghüpfen und zurückkommen

wie ein Wort das
endlich ausgesprochen
fortlaufend an Bedeutung gewinnt


silke scheuermann // diesseits ist heut’ ein spaziergang im schnee
in: über nacht ist es winter, frankfurt am main 2007
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung


rolf bossert // weihnachten 1984

picture by suzy hazelwood on pexels

Weihnachten 1984

Auf den Himmel zu stürzt
heut der Schnee
von da unten, der nackte: Tonnen
ins Firmament.

Alles fällt wieder
hinauf, ein Christkind
hockt grau auf der Leiter.

Sind das noch Bäume.
In seinem Blick: Diese
irre, dreieckige
Freude von damals.



rolf bossert »ich steh auf den treppen des winds«, frankfurt am main 2006
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist bildschirmfoto-2020-05-26-um-17.38.54.png.

ror wolf // achtung achtung

© ror wolf

Achtung Achtung

Der Regen rinnt
und es beginnt
was soll ich machen bitte
das eine nicht
das andre nicht
und auch nichts in der Mitte.
Jetzt setze ich mich erst mal hin
dann lege ich mich nieder
und wenn ich nicht verschwunden bin
dann sehen Sie mich wieder.


ror wolf »achtung achtung«, in: »die plötzlich hereinkriechende kälte im dezember«, frankfurt am main 2016
text: © schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.
collage: © ror wolf


ulrike almut sandig // anleitung zum fliegen

photo by hendrik dønnestad on unsplash

Anleitung zum Fliegen

I breite die Arme schulterhoch aus. verhalte dich, als könntest du fliegen.
II sei wie der Pfarrer im schwarzen Talar, der ohne es selber zu merken mitten im Schlusssegen vom Boden abhob, zum Glockenstuhl flog und von dort aus in tiefen Schlaf fiel und fiel.
III halte dich an die windschiefen Hecken am Dorfrand, die Nebelbänke, die Wälder.
IV rüttel am Backpfeifenbaum der Geschichte.
V lass dich nicht hetzen. und wenn sie dich hetzen, dann flieh.
VI lass dich nicht schinden. und wenn sie dich schinden, finde heraus.
VII finde Verstecke. kletter auf Bäume, bau dir kein Haus.
VIII sei wie die Fliege mit Schlinge um den Chitinhals, die Runde um Runde im Küchenlicht flog, bis ein gelangweilter Junge genug vom Spiel hatte. putz deine Wunden.
IX steig auf eine Grenzmauer und jubel darauf. kriech unter Maschendrahtzäunen hindurch.
X vertrau auf die Fliehkraft.
XI sei wie die Fledermaus, die ohne anzustoßen aus dem Laborfenster flog, nachdem man ihr beide Augen ausstach, um den Fledermaussinn zu erforschen.
XII benutz keine List. sei nicht getrost. zähle bis dreizehn und spring.


ulrike almut sandig »ich bin ein feld voller raps verstecke die rehe und leuchte wie dreizehn ölgemälde übereinandergelegt«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


text, stimme, regie: ulrike almut sandig
komposition: sebastian reuter
produktion: llangkosmonauten, berlin 2016.
dank: kulturradio rbb.

kerstin becker // es

photo by alexey turenkov on unsplash

es
atmete auf der Erde vier Jahre lang schon mein Funken
sprühender Sohn, Körper an Körper am Fenster,
er dampfte und duftete wild
vor sich hin, es schneite, Advent, gegen Fünf, wir
noch nicht arm, und die Straßenlaternen legten
gelbe elektrische Eier ins Dunkel; seine Augen
mit einem Mal weit, Weihnachtsmann stieg,
rote Kluft, weißer Bart, langsam durch Raum und Zeit,
aber dann
blieb er an der Hecke stehn und begann,
alles ab- alles auszuziehn, Mantel, Hose, Stiefel, Bart,
er schlüpfte in dreckige Arbeitsklamotten, mein Kind
hielt die Luft an, es hörte zu schneien auf, dieser Mann
neben den Hüllen, wie wenn im Märchen
Verwandlung vor sich geht, halt nur umgedreht, es tickte
so hart unsre Uhr.


kerstin becker »es«, in: jahrbuch der lyrik 2020. herausgegeben von christoph buchwald & dagmara kraus, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandulung gmbh


mirko bonné // nenn es november

photo by annie spratt on unsplash

Zerrüttete Gehöfte
aus Vögeln, Vorwinterluft,
und alle Fenster sind beschlagen
mit heulendem Wasserblech.

Nur die Feldwege wechseln
Brauntöne und fassen das Laub.
Wolken, die zu Wolkendecken werden,
machen deutlich, was es heißt,
Augen zu haben.

Einige schlafen, andere
machen die Betten, löschen
unschlüssig E-Mails oder spielen
Schlagzeug gegen die Stille.

Zwischen heute und morgen
ist keine Grenze. November, ein Name.
Geh übers Gras. Im Nebel die elf Pappeln,
Wegmarken. Meinetwegen als Letzter
sei unterwegs zu wem immer.


mirko bonné // nenn es november
in: traklpark, frankfurt am main 2012
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.

nadja küchenmeister // in der nacht

Photo by Shawn Ang on Unsplash

in der nacht ich habe es nicht bemerkt
ist schnee gefallen ich habe geträumt
ich war zuhaus in meinem bett nah
an der tür lag ich hellwach im frühen
raum die vorhänge die dunkelblauen
waren zugezogen alles still in der nacht
ist schnee gefallen ich war zuhaus ich
habe es nicht bemerkt ich habe geträumt
in meinem bett nah an der tür lag ich
hellwach im frühen raum die vorhänge
die dunkelblauen waren zugezogen alles still


nadja küchenmeister »alle lichter«, frankfurt am main 2010
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.

silke scheuermann // schwerer körper

photo by omer rana on unsplash

Ich teile die Welt durch zwei.
Um das zu begreifen, muss man nicht altmodisch sein.
Auf der einen Seite mein Körper aus schwerem Metall,
auf der anderen meine Sehnsucht, die leichte Luft. Ich umschließe sie mit einem flotten Bogen,
garniere mit Spitzen, was ich meinen Ausschnitt nenn.
Die Luft muss bemerken, dass ich sie forme.
Sie muss mir dankbar sein.

Ich teile die Welt durch zwei. Im eisigen Park liefen
die Großeltern Schlittschuh. Ihre Enkel rauchten
dort ihren ersten Joint. Parks waren früher
noch nicht beleuchtet. Blutjunge Geliebte
gaben sich ohne zu zögern hin. Bekamen
Kinder, die sie wie Hündchen verzogen.
Ein kleines sprang durch mein Luftloch hindurch.
Es fiel unglücklich hin. Seitdem kommt es vor,
dass ich Tiere mit Sehnsucht verwechsle.


silke scheuermann // schwerer körper
in: skizze vom gras, frankfurt am main 2015
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung

carolin callies // weißtrognes als köder am nachmittag

Photo by Kim Gorga on Unsplash

I. du hast dir milchhaut angekocht
& mochtst sie doch nicht trinken.

ihr datum, das verfällt so schnell,
so großgedruckt du’s drucktest.

man hat’s ihr bloß nie ansehn wolln,
so sauer in den töpfen.


II.

du kanntest beeren, die ohne namen blieben
& du schnittst sie in konserven fest.

sie hielten nie & platzten gern
& gingen oft zu boden.

wir wollten sie essen & juckend unter hälse stecken
& aßen doch nur birkenreisig & tranken kalte milch dazu.


carolin callies »fünf sinne & nur ein besteckkasten«, frankfurt am main 2015
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


alexandru bulucz // erinnerungen, defragmentierungen

Photo by freestocks on Unsplash

Geboren im Osten, im Westen des Siebenbürgischen
Beckens, der Gebärmutter, Eltern Musiker, Vater Gesang
u. Gitarre, Mutter Hausfrau u. schrill die
Erinnerung an wer weiß wie viele wertlose Scheinlöwen
(Lei, Münzen u. Scheine) in der Pfütze im Plattenbauhof,
die nasse Inflation wurde unter dem weißen Hemd
mitgebügelt. Für die Stunden des Schlangestehens im
schwitzenden Nacken der Volkswirtschaft eine Nase
voll überschäumender Milch aus dem Herdtopf, die
einsame Flamme vom Öl der Orangenschalen genährt
u. zum Knistern gebracht die frittierten
Kartoffelschalen (rumänische Chips) zum vierten
Geburtstag eine Tracht Prägel von der Mutter für eine
vor ihrer Zeit geöffnete Limonade. Der Vater, zurück aus
Jugoslawien. Der Krieg, der dem Schwarzarbeiter den
Laufpass gegeben hatte, stimmte die weißen
Kunststoffsaiten. Nur mein Geländelauftrainer roch
noch immer nach Fußpuder u. Schweiß wie die
orthodoxen Popen, die für Geld alles segneten, was
keine Beine hatte, das Land, das Haus, das Geld, das der
Vater für die langen Unterhosen, die er verkaufte, die
weißen, die grauen, die blauen, bekam, u. die, die er
trug, weil er sie nicht verkauft hatte, nicht verkaufen
konnte, wie sein Magengeschwür, das mit mir
in einen Bus nach Deutschland stieg, o. war es eine
Pferdekutsche u. die Busfahrer zwei Zigeuner mit
Lederpeitschen zum Austreiben der Erinnerungen, der
Dämonen, der ausgemergelten Zugpferde mit
Brandflecken auf den Rippen. Die man einfetten müsste.


alexandru bulucz »was petersilie über die Seele weiß«, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.