nadja küchenmeister // die sonne scheint mir

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die sonne scheint mir

die sonne scheint mir aus der luft
und aus der regenrinne, sie scheint mir
aus der wiese, aus dem frischen schnee.

sie scheint mir aus dem efeu, dem orangen
bäumchen, sie scheint mir aus dem ficus
und aus den kakteen. die sonne scheint mir

aus dem zarten schatten, den die kastanie
an die hauswand wirft, sie scheint mir aus
den vögeln, aus den schleierwolken und

auch aus einer hand, die zigaretten dreht.
die sonne scheint mir aus dem morgen
und dem abendstern, sie scheint mir aus

dem mond und aus dem mund. die sonne
scheint mir und sie meint mich wieder.
die sonne scheint und wärmt nicht mehr.


nadja küchenmeister »die sonne scheint mir«, in: unter dem wacholder, frankfurt am main 2014
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


johannes kühn // abendblick

Photo by Neil Cooper on Unsplash

Abendblick

Blaues Fahnentuch
ist durch den Himmel gezogen
rotes Fahnentuch
am Abend sanft.

Pferde, die Hälse tief herabgesenkt,
weiden Gras.
Das Rupfen
hört man,
die langsamen Schritte nicht.

Ich habe Lust, Fisch zu essen
und am Gasthaustisch im Freien
zu sehen wie alle Heiterkeit
ohne Laut vergeht.
Der Abendzauber traf in meinen Sinn.


johannes kühn »abendblick«, in: jahrbuch der lyrik 2020. herausgegeben von christoph buchwald und dagmara kraus, frankfurt am main 2020
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


grace paley // eines tages beschloss ich

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Eines Tages beschloss ich

Eines Tages beschloss ich nicht mehr älter zu werden
viel Glück sagte ich mir
(mein witzelndes Ich) dann sah ich in den Himmel
der weit ist sah sein Blau sah sein Weiß

links neben mir ging dampfend die Sonne auf stieg

ich hielt die Hand davor meine ganze Hand
vom Daumen bis zum kleinem Finger breit nein meine
beiden Hände ich zeigte ihr die Zähne meine Zähne
sind kräftig fest auf ihren Goldposten ich atmete
tief ein ich hielt die Luft an ich stand auf Zehen ah

so war ich größer immer noch segelten die Wolken
durch mich durch um mich rum es stimmt so wie sie
bin ich sommerliches Wasser das die Sonne
einsaugt und ausspuckt auf diese Säufererde


grace paley »manchmal kommen und manchmal gehen«, frankfurt am main, 2018
übersetzt von mirko bonné
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


mirko bonné // die sommer in rouen

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Die Sommer in Rouen

Schiffe vor Anker auf der Seine
bei Rouen, und im Gras am Flussufer
Monet, der die Frachtsegler malt,
außerdem drei weitere Bilder,
links Flieder im Sonnenlicht, rechts
Flieder bei trübem Wetter, und wendet er sich
nur ein paar Schritte in Richtung Giverny,
dann warten da, auf der Böschung,
vielleicht seit zwei Sommern,
in hellstem Gegenlicht,
seine Frau, Camille, da ist
Camille mit grünem Schirm, ja,
und der Junge, Jean, das Gesicht,
den Kopf in vorüberflutenden
Wolken.
Wolken, Wolken.


mirko bonné »wimpern und asche«, frankfurt am main, 2019
© schöffling & co verlagsbuchhandlung gmbh


silke scheuermann // flüsternde dörfer

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Flüsternde Dörfer

Obwohl unsere Städte ständig versuchen
uns den Himmel vertrauter zu machen
indem sie Aussichtspunkte
Balkone Terrassen bereitstellen
Obwohl sie behaupten man sehe von oben
den womöglich zärtlichsten
Punkt im All
eine übergroße Murmel mit blauem Zentrum
und sie uns Treppen und Aufzüge hochlocken
uns die Sicherheiten zeigen
Geländer und Netze
die Schönheit
der Leuchtreklamen
Laster so klein daß wir uns selber
riesig vorkommen
Obwohl wir vom Lärm da unten
fast schon betört sind
hören wir manchmal das Flüstern der Dörfer
und manchmal glauben wir etwas davon
und springen
wie Supermann


silke scheuermann »der tag an dem die möwen zweistimmig sangen«, frankfurt am main, 2013
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


mara-daria cojocaru // notiz zu vulpes vulpes

photo by gabriel lenca on unsplash

Notiz zu Vulpes vulpes
Breite: 51.55, Länge: -0.16
12.08.19 – 22:11
London, Belsize Park

Heute wieder antriebslos
Wie Plankton
Im Umflutgraben
Deiner Festung

Dann erwischt mich der Fuchs
Mit einer halben Pizza
Wie ich so denke
Ich male meine Träume aus
Und komme dabei ständig
Über deine Grenze

Es ist ein kleiner Fuchs
Der es eilig hat
Zwischen all den Autos
In der Nacht und den Menschen
Die es lieben, sich als Liebende
Zu denken, sommerhaft
Lautloses Geplänkel

Beschreibe einen Kuss
Ohne Hände


mara-daria cojocaru »buch der bestimmungen«, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


ron winkler // neuposa

photo by marek piwnicki on unsplash

NEUPOSA

Großvater sei eine Zahnlücke,
sagten die Jungs
vom Berg, an dem das Dorf gerade noch die Kurve kriegte.
sie sprachen es wie einen Zahn aus,
den sie selbst nicht hatten.

ich kann ihre Schlitten
vor mir sehen, das Dorfherz, augenhoch
die Wolken tänzelnder Sprühflügler, die vielleicht daran erinnern
sollten, dass Gott ein Gespenst war, Großvater
ein durch Kindermünderluken ausgeformtes Sprechen.

ob es die Jungs noch gibt, die Sohnemänner?
ob jemand die Zahnlücke Großvater hat schließen können?
im Dorf, dessen eine Kurve das Dorf immer wieder zurückführte zu sich.
dessen Herz mit vierzig Stundenkilometern schlug.
geteilt durch 1984.


ron winkler »magma in den dingen«, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh.


mara-daria cojocaru // blutprobe: nüchtern am morgen

photo by mockup graphics on unsplash

Blutprobe: nüchtern am Morgen

Der Tag hat eine Wand aus dies
Und das in den Weg geschoben
Nebel der Alltäglichkeit

Mein Therapiewaran nimmt die Spur auf
Kaltes Blut, erstarrte
Herzensangelegenheit

Während die Kohorte Nachwuchs
Brombeeren in den Strauchspitzen frostet
Bin ich gesund

Ich werd ja sehen, was ich fühle
Und fühlen, was ich seh
In der Blutprobe

Ob es kocht, ob es lockt
Ob es flockt, ob es stockt
Ob es frieren kann


mara-daria cojocaru »anstelle einer unterwerfung«, frankfurt am main 2016
© schöffling & co. verlagsbuchhandlung gmbh


ilma rakusa // corona mit hölderlin

Corona mit Hölderlin

Nicht alle Tage nennet die schönsten der,
Der sich zurücksehnt unter die Freuden, wo
Ihn Freunde liebten …

Der Tag ist wieder heller, ohne Schnee, der wilde
Kirschbaum fast in Blüte, der Kirschlorbeer in vollem
Glanz, nur trüb das Herz. Die Güter zirkulieren noch,
wenn auch nicht alle. Man weiß: die Lieferketten
reißen leicht. Sie sind fragil wie unsre Leben. Der
Beweis: die vielen Virus-Toten. Vergnügungen gabs
gestern, keine Überreste, nur Nostalgie. An bessre
Zeiten, Kanufahrten, Feste, an Lagerfeuer mit
Kumpanen ohne Havarien. An Gäste, Freunde,
Disco-Melodien. Ein bisschen wie von Sinnen.
Und jetzt? Vorbei. Die Bäume werfen Schatten,
wir schatten mit. Wir heben düster unsre Arme
zu virtuellen Rettern, der Rosenkranz ist keine
Option. Es mangelt an Vertrauen und Devotion.
Nun denn, wer aus Gefahr sich windet, ist wie
ein Mensch, der kommt aus Sturm und Winden
,
gehärtet, andersfromm. Wir werden sehen, noch
sind wir mittendrin. Was ist Bestimmung, was
nur schnöder Zufall? Wer lenkt das Ungemach,
wer die Natur? Wer bringt das ungebetne Weh
und gibt sich aus als Allmacht? Wo bleibt die Ruh?
So lang die Nächte ohne Du und Träume, so
irr das Hirnen über das, was kommt. Szenarien
und Exit-Strategien, Räume ohne Mund.
Da liegen Mann und Frau und Hund im engen
Zimmer, sie sind es satt. Sie wollen raus
und keinen fragen, so wie in guten alten Tagen,
die Witterung ist mild. Was immer wir anstreben,
die Virologen habens Sagen.
Gemach und weiterweben. Der Wald steht still, der Wille.


ilma rakusa »corona mit hölderlin«, in: jahrbuch der lyrik 2021. herausgegeben von christoph buchwald & carolin callies, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandulung gmbh


hasune el-choly // vielleicht wieder über kräne reden

photo by tim hüfner on Unsplash

vielleicht wieder über kräne reden,
auf dem weg über dein schweigen in meinen
brustkorb summen; darüber schreiben, warum
hier das halbe wetter im argen liegt.

& warum nicht wieder schwere geschütze über
diese straßen, über das schlachtfeld fahren,
über die halben tage aus wolken, über die
tausenden arten deine art zu beschreiben,
nachdenken, um doch wieder nur zu verstummen.

zur späten stunde tief im u-bahnschacht, in
deinem schatten noch einmal atem holen &
sehen ich war hier, aber wo warst du steht
immer noch auf den kacheln geschrieben.


hasune el-choly »vielleicht wieder über kräne reden«, in: jahrbuch der lyrik 2021. herausgegeben von christoph buchwald & carolin callies, frankfurt am main 2021
© schöffling & co. verlagsbuchhandulung gmbh